Neulich bin ich gerannt.
Seitdem sehe ich überall rennende Menschen.Zwei kleine Jungen mit bunten Schultaschen auf den schmalen Kinderrücken knien fast in einer Pfütze.
Auf die Plätze - fertig - los!Blitzende Augen. Verzerrte Miene. Fluchen als einer von ihnen zurückfällt. Die Freunde des anderen jubeln als er über die Kreidelinie schießt.

Der Sieger reißt die Arme hoch.Vielleicht ein schwarzer Sprinter mit blendend weißem Lachen. Oder der sehnige Langstreckenläufer, energisch strebend, spröde und ausdauernd. Wenn er das Ziel erreicht hat, rennt er noch eine weitere Runde. Als könnte er nicht aufhören.
Ein Jogger mit Schweißband um die Stirn frönt seiner Leidenschaft, lässt sich Zeit damit. Lockere Muskeln und tiefer Atem. Eins zwei. Eins zwei.
Sie sind die Renner aus Lust.Neulich bin ich gerannt. Meine Beine griffen aus. Fuß vor Fuß. Ohne Frotteetuch. Salz rann mir in die Augen, aus den Augen heraus. Ohne Startschuss, ohne Ziellinie. Atem in die Lungen gepresst. Herz sprengte Brustkorb. Erst später gemerkt, dass das Schuhband sich löste. Erst später gekrümmt, Seitenstechen.Rennende Menschen, wohin ich sehe. Alter Mann mit Stock. Die Haltestelle. Der im Anzug überholt ihn mühelos, hält die Tür so lange auf bis der Alte auch im Bus ist. Ein freundliches Nicken zum Dank. Obwohl der faltige Mund vor Anstrengung keucht, die eingesunkene Brust sich hebt und senkt, ein freundlicher Blick. Der Anzug bekommt nicht mal Achselflecken. Mitten auf der Hauptstraße plötzlich ein Schrei der Überraschung, ein gerufener Name. Da rennen zwei los, geradewegs zwischen den hupenden Autos hindurch. Rennen, breiten dabei schon die Arme aus, prallen aufeinander. So lachen sie, küssen sie, dass sie das Rennen vergessen haben. Wie unwichtig für sie, das Rennen.Nicht für mich. Für mich nicht. Wie bin ich gerannt neulich. Das Blut in den Schläfen gespürt. Trockene Kehle. Über Blumenkästen gesprungen. Schnell war ich. Seit Jahren nicht mehr so gerannt - und doch so schnell. Seitdem teile ich die Menschen ein. Ich teile sie in Gehende und Rennende. Die Rennenden teile ich in Langsame und Schnelle. Zu langsam. Oder schnell genug. Seit neulich.Der Drache fliegt nicht von allein. Sein Führer muss rennen. Den Blick immer wieder zurückwerfen - ja, so wie ich neulich. Der Drache steigt. Blick in den Himmel. Zwinkern gegen die Sonne. Wilde Euphorie in den Augen. Wundervoll. Rennen, um zu fliegen. Rennen, um weit zu springen. Rennen, um irgend jemand schneller, irgend etwas gerade noch rechtzeitig zu erreichen. Rennen, um zu siegen.

Und ich? Rannte. So schnell. Schnell genug. Schneller als er rennen konnte.

„RENNENDE MENSCHEN“